Interview

"Mein unerträglich schlichtes Prinzip: Weitermachen"

Siegfried Lenz im Gespräch mit Hanjo Kesting

Hanjo Kesting: Und als Gesprächspartner begrüße ich Siegfried Lenz, der gestern seinen 75. Geburtstag hat feiern können. Herzlichen Glückwunsch Siegfried Lenz.

Siegfried Lenz: Danke schön!

Hanjo Kesting: Das ist ja nun schon eine lange Strecke. Eine lange Lebensstrecke, aber auch eine lange Strecke als Schriftsteller: über fünfzig Jahre. Denn vor genau fünfzig Jahren, 1951, ist Ihr erster Roman erschienen: „Es waren Habichte in der Luft“. Nun sind Sie fünfundsiebzig geworden, da möchte ich doch einmal mich getrauen, James Joyce zu zitieren oder zu paraphrasieren: „The Portrait of an Artist as an Old man“. Wie sieht es aus, dieses Porträt des Künstlers als alter Mann?

Siegfried Lenz: Wie sieht es aus? Man kommt nie in Verlegenheit, wenn man denn bereit ist zu bilanzieren. Nie in Verlegenheit sich zu fragen, was hast du in diesen Jahrzehnten gemacht. Ich drehe mich einfach um in Augenblicken der Verzagtheit, oder der Bilanzwehmut, schaue auf die Buchreihe, die da steht, und finde ein gewißermaßen materialisiertes Leben vor. Es ist da, es ist anwesend, ich kann mir sagen, von 51 bis 53 hast du das versucht, dann das, dann hast du zwischendurch einen Band mit Erzählungen geschrieben. Mit anderen Worten, das verflossene Leben präsentiert sich. Was das Lebensgefühl angeht, das ist natürlich eine andere Sache. Da denke ich an Italo Svevo: "Ein Mann wird älter". Sein Held hat bereits im Alter von 38 sich zum alten Eisen gerechnet. So relativ kann das Lebensgefühl im Alter sein.

Hanjo Kesting: Es ist nicht das erste Gespräch, das wir führen. Vor zwanzig Jahren, glaube ich, haben Sie einmal in einem Gespräch „Dorian Gray“ von Oscar Wilde zitiert.

Siegfried Lenz: Das Bild altert, aber nicht der Mensch. Irgendwo in der Ecke, nicht wahr, hängt das Bild, das dann die unweigerlichen Züge des Altersprozesses annimmt, sich verschattet, verrunzelt und dann je nach dem, wie man Alter definiert, starrsinnig wird, verschroben, eigenartig, mißtrauisch und all diese Eigenschaften aufweist, die man dem Alter unterstellt.

Hanjo Kesting: Sie haben von dem materialisierten Leben gesprochen, von der langen, langen Buchreihe, materialisiert in Papier, in Büchern. Ganz am Anfang steht dieses schon von mir erwähnte Buch „Es waren Habichte in der Luft“. Wissen Sie noch, wie das angefangen hat? Und wann Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten: Ich bin ein Schriftsteller?

Siegfried Lenz: Das ist schwer zu sagen. Auch diese Definition „Ich bin ein Schriftsteller“. Wie es angefangen hat, kann ich Ihnen sagen. Meine Frau und ich arbeiteten damals im Feuilleton einer englischen Besatzungszeitung, Die Welt. Meine Lehrer, hervorragende Lehrer, weltläufige Journalisten, die englische Offiziersuniformen trugen, hatten mich beauftragt, den täglich erscheinenden Fortsetzungsroman zu redigieren und immer so ein Kapitelchen druckfertig zu machen. Und das habe ich getan, mehrere Monate lang. Und dachte mir eines Tages, an Graham Greene reichst du sicher nicht ran, aber du könntest auch mal so etwas versuchen. Erfahrung hast du genug, oder glaubst du genug zu haben, schreib etwas. Und so habe ich angefangen, neben der Redaktionsarbeit diesen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“ zu schreiben, damals machte man so umfangreiche Titel, das war à la mode. Ich habe alles mit Kugelschreiber geschrieben, meine Frau hat dann alles abgeschrieben, ich zeigte es Willy Haas, der war damals Chef-Controller, also kultureller Controller der Welt.